Wiesbadener Wiegenlieder

Konzeptbeispiel anhand der Erstaufführung “Wiesbadener Wiegenlieder”:
Sieben Stunden Schlaf werden durchschnittlich als notwendig und ausreichend empfunden, um den Alltag gut und erholt zu bewältigen. Sieben lange Geschichten auf der Grundlage von Gesprächen mit sieben Frauen aus dem Frauenhaus der Diakonie in Wiesbaden werden bei den Wiesbadener Wiegenliedern zu hören sein. Sprechen wird die Texte die bekannte Schauspielerin Leslie Malton. In allen Geschichten geht es auch um den Schlaf und die Gedanken der schlaflosen Nacht.
24 musikalische Impressionen unterlegen, durchbrechen und erweitern diese Geschichten aus dem schlaflosen Wiesbaden. Dabei werden vertraute Schlaf- und Wiegenlieder ebenso zu hören sein, wie auch unruhige Frauenlieder von Franz Schubert, Clara Schumann bis hin zu Richard Strauß. 24 Musikstücke symbolisieren dabei die Länge eines Tages mit all seinen unterschiedlichen Stimmungen.  Sie gehen eine enge Verbindung mit den Texten der Frauen aus dem Frauenhaus ein und fördern das gegenseitige Verständnis und die Interpretationsräume.

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Am Beginn der Veranstaltung steht jedoch ein wissenschaftlicher, aber einfach zugänglicher Text über den Schlaf, die Funktion des Schlafes und die Effekte von Schlaflosigkeit. Der Text wurde für die Wiesbadener Wiegenlieder von dem anerkannten Schlafforscher, Prof. Jürgen Zulley von der Universität Regensburg zur Verfügung gestellt. Professor Zulley wurde unter anderem mit der Forderung bekannt, Kinder zu einer späteren Uhrzeit zur Schule zu schicken, die dem Biorhythmus der Kinder mehr entspräche. Bei den Wiesbadener Wiegenliedern wird sein Text, wiederum gelesen von Leslie Malton, in das Thema Schlaf einführen, aber auch bereits mit Musik verwoben werden.

Einen weiteren Erfahrungs- und Denkhorizont eröffnen einige ausgewählte Gedichte bekannter Dichter zum Thema Schlaf und Traum.
Musikalisch sind die Wiesbadener Wiegenlieder außerordentlich vielseitig: Ein Chor, ein Quartett, eine Sopranistin werden ebenso zu hören sein, wie auch Harfe, Orgel und Klavier. Hinzu kommen einige musikalische Besonderheiten, die dem Abend eine Dramaturgie und emotionale Eindringlichkeit verleihen werden. Deutsches Kunstlied, traditionelle Schlaf- und Wiegenlieder, Nocturnes, Chormusik, Orgel- und Harfenmusik geben einen vielseitigen musikalischen Charakter, der aber jeweils durch das gemeinsame Thema Schlaf gehalten und geprägt wird.
Die Wiesbadener Wiegenlieder sind keine zufällige oder beliebige Abfolge von Texten und Musik, sondern ein ineinander verwobenes, durchkomponiertes Nachtstück. Aber zugleich handelt es sich nicht um ein Theaterstück im eigentlichen Sinne, denn es ist tief im Leben von Menschen aus Wiesbaden verwurzelt. Die erzählten Geschichten wurden in enger Abstimmung mit den befragten Frauen verfasst und von ihnen in der aufgelegten Form zur Aufführung freigegeben. Das Projekt taugt nicht zur leichten, heiteren, beschwingten Unterhaltung, denn es erzählt mit nötiger Klarheit und Härte von Lebenserfahrungen von Menschen aus Wiesbaden. Trotzdem wird die Schönheit und Würde der Musik und auch der Texte betont.
Im Zentrum werden unbestritten die Erzählungen nach den Schilderungen von Frauen aus Frauenhäusern stehen. Frauenhäuser müssen zum Schutz der Bewohnerinnen an unbekannten Orten der Stadt arbeiten. Die Adresse darf nicht allgemein bekannt sein. Entsprechend sind Frauenhäuser für viele Menschen blinde Flecken auf den Landkarten. Dieser Effekt wird verstärkt durch das Schweigen, in das immer noch viele Menschen das Thema häusliche Gewalt hüllen wollen. Aus Gesprächen mit Frauen ist bekannt, dass viele Mythen und diffuse Vorstellungen den Weg in ein Frauenhaus zumindest für manche Frau erschweren: „In Frauenhäusern nimmt man Frauen die Kinder weg.“ „In Frauenhäusern wird man eingesperrt und lebt unfrei.“ „In Frauenhäusern darf man keine familiären oder sonstigen sozialen Kontakte pflegen.“ – so lauten nur einige Beispiele dieser falschen Annahmen. Sie führen allzu oft dazu, dass manche Frau erst spät die Hilfe dieser Einrichtungen beansprucht, weil sie sich in aussichtsloser Lage wähnt. Oft liegt ein langer Leidensweg hinter den Frauen. Es ist wichtig, Redetabus zu beseitigen.

Mit den Wiesbadener Wiegenliedern soll ein neuer Beitrag geleistet werden, die Arbeit von Frauenhäusern transparenter zu machen und Frauen zu ermutigen, die häusliche Gewaltsituation zu durchbrechen. Aber das Projekt fördert auch Diskussion um den modernen Familienbegriff und die Geschlechterrollen.
Das Diakonische Werk Wiesbaden hat auf Initiative seines Öffentlichkeitsarbeiters StefanWeiller geradezu eine Tradition entwickelt, mit anspruchsvoller Kunst, Kultur und authentischen Berichten soziale Themen zu vermitteln. Die Wiesbadener Wiegenlieder sind ein neuer Beitrag, um auf regionaler Ebene und mit den Berichten von Menschen aus der Nachbarschaft der Verantwortung sozialer Träger gerecht zu werden. Diese Verantwortung besteht auch darin, Stimme für jene Menschen zu sein, die aufgrund sozialer Problemlagen in vielerlei Anfechtung sehen. Das Informieren, Helfen und Befähigen ist grundlegend für die Arbeit der Diakonie. Aber auch das Werben um Solidarität, das Fördern von Aufmerksamkeit und gesellschaftliche Mitgestaltung sind Aufgaben sozialer Träger. Mit den Wiesbadener Wiegenliedern wird die Diakonie diesen Anforderungen auf hohem Niveau gerecht.
Die Wiesbadener Wiegenlieder erzählen von Liebe, vom Zusammenleben, von Geschlechterrollen, vom Scheitern, vom Hoffen und Vertrauen. Sie sind auch eine Zustandsbeschreibung für gesellschaftliches Leben der Stadt und ihrer Menschen. Besonders Geschichten und Erfahrungen von Migrantinnen prägen dieses Projekt.
Das Projekt wird vom Frauenreferat der Landeshauptstadt Wiesbaden unterstützt. Hinzu kommt die finanzielle Förderung verschiedener Stiftungen, Firmen und Clubs.
Dauer: ca. 120 Minuten
Wiesbadener Wiegenlieder

Ringkirche Wiesbaden
Abend gegen häusliche Gewalt
Mitwirkende:
Leslie Malton Rezitation
Matthäuschor und Matthäusquartett Frankfurt a. M,  Christina Schmid, Hedayet Djeddikar, Monica Rincon,  Eva-Maria Hodel
Stefan Weiller, Konzept, Regie, Dramaturgie, Texte

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