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Von der Sehnsucht nach Ruhe und Schlaf

Projekt gegen häusliche Gewalt – Projektinitiator Stefan Weiller

WIEGENLIEDER Plakat internetGeschichten von Müttern aus dem Frauenhaus verbunden mit Schlaf- und Wiegenliedern. In den Aufführung des Projekts entsteht eine berührende Auseinandersetzung und Bewusstseinsbildung mit dem Tabu-Thema Häusliche Gewalt. Das intensive und vielseitige Projekt wird für anerkannt gemeinnützige Träger der sozialen Arbeit und ausschließlich bei freiem Eintritt angeboten.

Lieder, Texte und ruhelose Lebensberichte aus Frauenhäusern
Im Projekt Wiegenlieder wird das Thema “Häusliche Gewalt” behandelt. Bei diesem sozio-kulturellen Projekt von Stefan Weiller geht es um die Vermittlung von schwierigen, sogar tabuisierten gesellschaftlichen Themen.  Das Projekt Wiegenlieder soll ein Bewusstsein herstellen für unterschiedliche Problemlagen von Frauen und Kindern in Frauenhäusern. Das Projekt will in der Verbindung aus Sozialarbeit und Kunst gesellschaftsrelevante Fragen stellen und Aufmerksamkeit schaffen. Frauen aus Frauenhäusern, die für das Projekt von ihren Erfahrungen erzählen, sollen einerseits geschützt bleiben und zugleich dennoch einen Weg finden, ihre Probleme und Sorgen zu artikulieren – und gehört zu werden.

Projektidee – eine Begegnung im Frauenhaus

Frauenhäuser befinden sich meist unter einer geheimen Adresse. Zum Schutz der Bewohnerinnen muss der Zufluchtsort möglichst verborgen bleiben. Dies führt dazu, dass viele Menschen zwar um die Existenz von Frauenhäusern wissen, aber die Atmosphäre des Hauses bleibt den meisten Menschen unbekannt – zumindest sofern sie das Glück haben, diesen Schutzraum gegen häusliche Gewalt nicht aufsuchen zu müssen.

Es sind traumatische Erfahrungen, die Frauen – mitunter gemeinsam mit Kindern – in ein Frauenhaus einziehen lassen. Existenzielle Bedrohung, körperliche und seelische Anfechtung machten es notwendig, in einem Frauenhaus Schutz zu suchen. Die Leidensgeschichte ist oft lang und verworren. Die Perspektive wird, so zeigen manche Gespräche mit Frauen in Frauenhäusern, als unklar und kompliziert wahrgenommen. Auch die Kinder im Haus müssen sich neu orientieren und viele Herausforderungen verarbeiten.

Die Begegnung

Szenenfoto Wiesbadener Wiegenlieder, mit Leslie MaltonIm Sommer 2010 besuchte Projektinitiator Stefan Weiller, damals noch in seiner Funktion als Pressereferent des Diakonischen Werks Wiesbaden, das Haus für Frauen in Not in Wiesbaden. „Schon beim Betreten des Hauses überraschte mich die Geräuschkulisse. Viele Kinderstimmen drangen aus dem gemeinschaftlichen Wohnzimmer, das Treppenhaus war erfüllt mit Geräuschen von spielenden, lachenden, rufenden Kindern und von zur Ruhe mahnenden Müttern. Zu diesem Zeitpunkt lebten 14 Kinder im Alter von 0 bis 14 Jahren mit ihren Müttern im Haus. Das Haus war voll. Die Lautstärke war also nur natürlich, aber der Geräuschpegel durchaus nicht frei von Belastung.
Zu meiner Überraschung saß in einer Ecke des Wohnzimmers eine junge Frau in einem Sessel und wiegte ein kleines Kind, dazu sang sie leise ein bekanntes Schlaflied: ‚Der Mond ist aufgegangen‘. Der Liedtext von Matthias Claudius ist mir vertraut, aber niemals hätte ich erwartet, diesem Lied ausgerechnet an diesem Ort und in dieser Situation zu begegnen. Nie zuvor löste eine Strophe des Liedes einen vergleichbar intensiven Prozess der Auseinandersetzung aus, heißt es doch in dem Lied:

So legt euch denn ihr Brüder,
in Gottes Namen nieder;
kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott! mit Strafen
und lass uns ruhig schlafen!
und unsren kranken Nachbarn auch!

Im Frauenhaus, in der engen Nachbarschaft auf Zeit von Menschen, die schreckliche Erfahrungen teilen, obwohl doch jeder seine ganz eigene Geschichte hat, bekam das Schlaflied eine neue emotionale Tiefe und durchaus anrührend, tragische Dimension.

Dieses Schlaflied, einem Kind gesungen, dessen kurze Lebensspanne schon voller Tragödie steckt, aber das im tiefen Vertrauen im Arm der leise singenden Mutter Schlaf finden soll, gab den Impuls für das Projekt ‚Wiegenlieder – von der Sehnsucht nach Ruhe und Schlaf‘.

Gewalt gegen Frauen trifft auch Kinder. Das Wiegenlieder-Projekt, das der Frage nachgeht ‚Welchen Klang hat das Leben im Frauenhaus?‘, stellt die Situation von Frauen und Kindern ins Zentrum.“

Hintergrund:

Sorgen halten Menschen wach. Die Sehnsucht nach Ruhe und Erholung ist in der Zeit der Sorge am tiefsten.  In extremen Situationen leiden viele Menschen an Unruhe und Schlaflosigkeit, die ihre Situation und ihr Lebensgefühl zusätzlich beeinträchtigt. In Besuchen und Gesprächen, die für das Projekt in zwei Frauenhäusern in Frankfurt und Wiesbaden stattfanden, wurde deutlich, dass Frauen, die alleine oder mit Kindern aus einer häuslichen Gewaltsituation geflohen sind, oft viele Nächte lang wach liegen und grübeln, zweifeln und sich sorgen. Es ist eine Mischung aus Angst vor der Zukunft und schmerzlicher Erinnerungen der Vergangenheit, die zu den durchwachten Nächten führt. Hinzu kommt, dass auch die ungewohnte Umgebung, die fremden Geräusche und die große Anhäufung anderer Schicksale von Mitbewohnerinnen das Haus und seine Bewohnerinnen nicht recht zur Ruhe kommen lassen. Das Frauenhaus ist eine Zwischenstation und zunächst nur ein Symbol für die Ankunft, denn noch leben die Menschen im Haus – trotz intensiver Hilfen und Unterstützung – in Ungewissheiten. Nirgendwo scheint die Sehnsucht nach erholsamem, Vergessen und Ruhe bringendem Schlaf tiefer als in einem Frauenhaus. Wenn hier, wie es oft geschieht, den Kindern Lieder zum Einschlafen vorgesungen werden, dann klingt in diesen Liedern auch ein bitterer Ton, ja sogar Angst und Ungewissheit mit. Die Verletzungen an Körper und Seele sind lange nicht überwunden und so klingt jedes im Frauenhaus gesungene Schlaf- und Wiegenlied auch wie ein Versprechen auf eine bessere Zeit. Diese Spannung will das Projekt „Schlaf- und Wiegenlieder – Von der Sehnsucht nach Ruhe und Schlaf“ an einem Abend aufgreifen und mit möglichst vielen Besucherinnen und Besuchern symbolisch teilen.

plakat_wr_3(© lena obst)_0156.indd Informationen Erstaufführung

Über Monate hinweg führte Projektinitiator Stefan Weiller im Diakonischen Werk Wiesbaden Gespräche mit Frauen aus dem Frauenhaus, bei denen es immer wieder um ein Thema ging: Schlaflosigkeit und die Gründe für das Ausbleiben ruhiger Nächte. Nachts kommen in diesem Haus Dämonen der Erinnerung an das Erlittene. Zweifel, Selbstvorwürfe, Schuldgefühle, Zukunftsangst, Hass, Angst, Wut, Sehnsucht, Einsamkeit, Trauer, Frustration – die Spanne der Nachtgedanken und Gefühle ist groß.  Zu den Schlaf- und Wiegenliedern gesellen sich bei der Veranstaltung „Wiesbadener Wiegenlieder“ auch die Geschichten der Frauen aus dem Haus für Frauen in Not. Erweitert werden diese Elemente mit Liedern voller Unruhe und voller Sehnsucht nach dem Schlaf  – und auch nach des Schlafes Bruder, denn auch solche Gedanken sind manchen Frauen in Extremsituationen nicht fremd.

Weitere Informationen und konzeptionelle Überlegungen: Konzept und Ziele

FOTOS: © LENA OBST